Eine Reise ins Ungewisse

Elena Boroda über die Werdung des grubengold-Don Quijotes.

Collage_Probe
Fotos: Elena Boroda

Jede Theaterproduktion ist ein Aufbruch ins Land der Ungewissheit: Dichte Vorbereitungen, neu erschaffene Sprach- und Gedankenräume, neue Bühnenbilder, zwischenmenschliche Herausforderungen. Eins ist jedoch gewiss: Dass es eine Premiere geben wird, für grubengolds Don Quijote am 13. Mai. Nach der Produktion der vergangenen Spielzeit wechselte die Leitung des Ensembles – Regisseurin Michaela Kuczinna übernahm, Akteure verließen das Ensemble, neue kamen hinzu. Es wurde transnationaler.

Die Akteure beschäftigen sich mit der ersten Textfassung, noch im Oktober 2016. Alles ist noch auf Deutsch und mit vielen Unwägbarkeiten in der Probe verbunden. Denn viele können Deutsch noch nicht gut verstehen. Es fällt ihnen schwer, sich in dieser für sie neuen Sprache auszudrücken. Übersetzerin Michaela Kleinhaus hilft, wann sie kann. Später stößt mit Yousef Hasan ein Arabisch-Muttersprachler hinzu, der gut Deutsch spricht. Es bahnt sich ein kreativer Prozess der Transliteration, des Über-Setzens an. Was bleibt dabei auf der Strecke, was ist nicht über-setzbar vom Ufer der einen Sprache zur nächsten?

Zwangsumzug nach Sachsen

Dass jemand aus dem Ensemble weg bricht – die Gefahr bestand stets bis in den März 2017 hinein, also gut zwei Monate vor der Premiere. Plötzlich soll Akteur Noor Shawish im Dezember 2016, kurz vor Weihnachten, zurück nach Sachsen. Das Bundesland hatte ihn als Flüchtling aufgenommen, erst danach kam er nach Nordrhein-Westfalen, lebte sich in Bochum ein, hat hier Freunde, nimmt an einem Sprachkurs teil und baut sich Stück für Stück, Tag für Tag ein Leben auf. Dank Ensemble- und Theaterleitung konnte Noors Zwangswegzug abgewendet werden. Mahmoud Daaibs’ Bruder verstarb im Februar im Libanon. Mit 27 Jahren, an einem Herzinfarkt. Wochenlang fiel ihm vieles schwer, auch die Proben. Er blieb aber dabei. Hogir Mahmadine zog erst nach Mönchengladbach um als Packer bei einem Versandhandel zu arbeiten, danach zurück nach Bochum. Doch er arbeitet auch hier soviel und körperlich so schwer, dass er nicht weiter teilnehmen kann.

Am Anfang war nur eine Idee, am Ende ein Stück

Cervantes’ Don Quijote hat knapp 1500 Seiten und komplexe Themen sowie Lebensfragestellungen nach Gerechtigkeit, einer idealen Welt, der idealen Liebe, Hingabe. Wie können die Spieler einen Einstieg in diese Literatur, diese Fragen finden? Durch Reflexion der eigenen idealen Welt, des eigenen Don Quijotes in der heutigen Welt, durch Körperübungen. Die Proben werden intensiver, häufiger. Das Stück nimmt Gestalt an: Am Anfang war nur die Idee, die Abenteuer des Hidalgo Don Quijote de la Mancha auf die Bühne zu bringen. Es formten sich Charaktere, die Akteure fanden in ihre Rollen. Zunächst noch ohne Requisiten und ohne Bühnenbild, nackt und leer sozusagen. Später in voller Montur, auf der Bühne. Bühnen- und Kostümbildnerin Dorothee Schumacher erarbeitet beides hingebungsvoll.

Kreativität erfordert gerade, wie bereits Erich Fromm wusste: den Mut, Sicherheiten loszulassen. Ohne diesen Mut keine Proben, kein neuer Don Quijote und keine grubengold-Premiere.

-Elena Boroda-

Musik – komponiert für grubengolds Don Quijote! Und ihr könnt sie hören

Daniel Brandl hat die musikalische Leitung für unsere Don Quijote-Inszenierung inne. 

Es ist schwer Musk mit Worten zu beschreiben. Was man hier hören kann, ist das Ergebnis elektronischer Manipulation von einer Aufnahme von Tamim, welche ich während einer Probe gemacht habe. Das Stück ist viel länger und heißt „Meine Mutter“ bzw. die arabische Version davon.

Ich habe damit etwas gearbeitet und herausgekommen ist eine Art Vergrößerungsglas auf das, was in Tamims Spiel angelegt ist.

Eine kurze Reise.

Die ganzen kleinen Feinheiten, verstärkt und in die Länge gezogen, werden hörbar und bekommen mehr Fokus als sie normalerweise haben.

Ich möchte hier keine Adjektive gebrauchen um das zu beschreiben, was man hören kann. Das würde erstens nicht ausreichen und zweitens eure Sicht auf das, was ihr hört, einschränken.

Gebt dem Ganzen eine Chance, macht die Augen zu und denkt daran, das nichts so ist, wie es scheint.

Frei nach Don Quijote: Du hörst sie nicht, wie sie ist! Die Welt!

Das grubengold-Team bekommt Verstärkung

Der neue Praktikant von grubengold, Marcel Braun, berichtet über seine ersten Eindrücke, die er während den Proben mit dem internationalen Ensemble sammeln konnte. 

Das ging schnell: Vor gerade mal einer Woche traf ich mich mit dem grubengold-Team zu einem ersten Kennenlernen, schaute mir letzte Woche eine Probe an und jetzt bin ich, so fühlt es sich jedenfalls an, schon mittendrin. Bis zur Premiere am 13. Mai werde ich bei grubengold mitarbeiten. Wie genau das aussieht? Was ich machen werde? Keine
Ahnung. Was ich immerhin schon weiß ist, warum mich die Arbeit bei grubengold fasziniert: Verschiedene Menschen arbeiten an einem Projekt, setzen sich kreativ mit Fragen nach Traum, Realität, Wahrheit auseinander, bringen ihre Ideen und Vorstellungen mit und schaffen so ein eigenes Bild von der Aktualität der Vorlage Don
Quijote.

Bisher habe ich also vor allem einen ersten Eindruck bekommen. Was mir direkt aufgefallen ist: grubengold ist unfertig – und das ist nicht negativ gemeint. Statt einer fertigen Bühnenfassung gibt es Raum, Dinge zu gestalten und zu verändern. Statt einfach Geflüchtete auf der Bühne die Geschichte von Don Quijote erzählen zu lassen, werden
Szenen zusammengestellt, in denen sich die Darsteller*innen mit der Thematik von Wahrheitssuche, dem Zusammenspiel verschiedener Blickwinkel und Perspektiven und mit der Konstruktion von Realität auseinandersetzen. Statt Repräsentationstheater steht die vielfältige und individuelle Beschäftigung mit den Ideen der Textvorlage im Mittelpunkt –zum Beispiel durch eigene Texte der Darsteller*innen, Performance-Elemente, Musik und die Gestaltung des Bühnenraumes.

Die Unfertigkeit des Projektes gibt mir die Möglichkeit, mich einzubringen, mitzudenken und daran mitzuwirken, die Themen und Fragen, die Don Quijote aufwirft, auf die Bühne zu bringen. Vor allem will ich natürlich etwas lernen – über die Arbeit an einer
Inszenierung, die Bedeutung von Traum und Realität aus verschiedenen Perspektiven und über die Frage, wie diese Bedeutung im Theater thematisiert werden kann. Was mir besonders gefällt, ist die Art, wie alle Beteiligten zusammenarbeiten, (trotz mancher Schwierigkeiten) ihre persönlichen Blickwinkel zusammenbringen wollen und dabei auf
verschiedene Weise den Raum nutzen, der sich daraus ergibt, dass die konkrete Ausgestaltung der Inszenierung noch offen ist. Ich freu mich drauf, bei grubengold mitzumachen und neue Perspektiven zu gewinnen!

-Marcel Braun-

Damaskus in Bochum

Michaela Kleinhaus sorgt dafür, dass sich unsere Ensemble-Mitglieder verstehen und nicht an einander vorbei sprechen. Michaela ist studierte Arabistin und übersetzt für uns. Dass so viele Syrer nach Bochum kamen – darauf hat sie einen ganz eigenen Blick. 

Kleinhaus_Damaskus
Aus dem Viertel Suq Sarouja nebenan/ Der Blick aus meiner Wohnung in Damaskus

Fragte ich früher meine KursteilnehmerInnen, warum sie Arabisch lernen, erzählten viele, dass sie gerne in die arabische Welt reisen wollten, dass sie arabische Musik liebten, die arabische Schrift mochten oder über die arabische Küche zur Sprache gekommen waren. Mit Beginn des arabischen Frühlings nahm dann die Zahl der JournalistInnen zu, die einen sprachlichen Zugang zur arabischen Welt suchten.

In den letzten  zwei Jahren kommen nun Menschen, die im  aktuellen oder zukünftigen persönlichen oder beruflichen Umfeld  erste sprachliche Brücken schlagen wollen oder vielleicht auch einfach nachvollziehen wollen, wie es ist, wenn man – wenn auch in diesem Fall nur sprachlich – ganz neu anfangen muss.

Denn seit 2015 ist das, was vorher sehr weit schien, näher gekommen. Unterwegs in der Stadt hört man Arabisch, bei McDamascus kann man Shawarma essen, überkommt mich die Lust auf süße Kunafa, muss ich nur zum Rathaus pilgern. Das türkische Geschäft um die Ecke, in dem neuerdings ein junger Kurde aus Syrien arbeitet, führt auf einmal nahöstliche Produkte; die Verkäufer sagen jetzt ma fih, al-yom la oder bukra und können auf Arabisch zählen.

„Die Furcht mancher Menschen vor dieser  „Welle“ hat viel mit Unbekanntem, Unvertrautem zu tun“

Ich weiß natürlich, dass es viele Menschen gibt, die aus dem Iran, Afghanistan, aus Eritrea oder dem frankophonen Westafrika geflüchtet sind. Doch in meiner Wahrnehmung überwiegen die arabischsprachigen, denn für mich sind dies vertraute Klänge. Wenn ich nun durch die Straße laufen und dabei auf Arabisch telefoniere, kann ich mir nicht mehr sicher sein, dass mich kaum jemand versteht, wie es vorher der Fall war.

Die Furcht mancher Menschen vor dieser  „Welle“ hat viel mit Unbekanntem, Unvertrautem zu tun, die Vorurteile sind noch unscharf, was sagen dieser Bart und jenes Kopftuch über die Gesinnung ihrer Trägerinnen. Wie muss ich die ungewohnten Töne interpretieren? Döner und den Kuaför Salonu ist man gewohnt, doch nun zieren auf einmal Schilder in fremder, arabischer Schrift die Schaufenster mancher Geschäfte. Viel mehr Menschen als ich es erwartet hätte, machen mit, informieren sich, engagieren sich – auf der einen Seite – auf der anderen Seite nun die obligatorische Frage bei der Wohnungssuche: Beziehen Sie Geld vom Job Center, um nicht sagen zu müssen, nein danke, keine Flüchtlinge.

Erklären, wie Deutschland und die Deutschen ticken

Damaskus  in Bochum, genauer gesagt geflüchtete Menschen aus Syrien in Bochum, heißt auch, dass ich nun Baumärkte im Umkreis, die Möbelseiten von eBay, günstige Mobilfunktarife und Wörter wie Integrationskurs, Familienzusammenführung, Maßnahme und den Unterschied zwischen Job Center und Arbeitsamt kenne.

Ich bin dabei, kann zwar sprachlich helfen, bin aber in bürokratischer Hinsicht häufig ebenso ratlos wie diejenigen, die mich fragen. Dafür kann ich erklären, wie Deutschland und die Deutschen ticken, denn das lernt man vor allem abseits des Sprachkurses im Kontakt mit den Menschen. Auch mir musste man so manches erklären bei meinen Aufenthalten in verschiedenen arabischen Ländern.

Ich mache also nun auch in meiner privaten Umgebung das, was meine berufliche Tätigkeit schon lange ausmacht: Ich vermittle zwischen Sprachen und Kulturen, doch nun auch in die andere Richtung.

-Michaela Kleinhaus-

Das Theater – Ein Ort der Zusammenkunft

Tamim ist sein Nachname – und auch sein Rufname. Eben dieser Tamim ist ein Schauspieler und Tänzer. Wie nutzt er seine Kunst um musikalische Brücken zu schlagen?

Tamim Foto Blog
Foto: Charlotte Gaudreau 

Voices of Yarmuk

Ich bin schon zwei Jahren in Bochum, aber wohl fühle ich mich erst, seitdem ich in der Theatergruppe bin.

Hier konnte ich über Menschen die reiche deutsche Kultur kennenlernen. Nicht nur weil ich das Theater liebe und weil es ein Teil meines Berufes ist, sondern, weil es das Tor zur wirklichen Integration in eine ganz neue Gesellschaft und ein neues Leben ist. Hier habe ich begriffen, was die Menschen verbindet in dieser Welt, die durch das, was wir in diesem Krieg verloren haben, dunkel geworden ist. Allmählich gab mir das Theater Wärme und innere Ruhe zurück.

Wir beginnen nun im zweiten Projekt mit der Suche nach der Persönlichkeit von Don Quijote in jedem einzelnen von uns. Ausgehend von meiner Erfahrung  im Tanz und der Bewegung im Theater versuche ich, für einige Szenen eine Choreografie zu entwickeln.

Das deutsche Publikum mit arabischer Musik bekannt machen

Auch außerhalb des Theaters organisiere ich kulturelle Aktivitäten mit verschiedenen Institutionen. Die letzte Veranstaltung war im Bahnhof Langendreer in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Flüchtlingshilfe. Dort haben wir einen Abend unter dem Motto „Voices of Yarmouk“ veranstaltet.

An diesem Abend gab es eine Ausstellung von Werken des Karikaturisten Hani Abbas und eine Reihe von kurzen Dokumentarfilmen der Gruppe „Reaction“, einer palästinensischen Gruppe von Künstlern und Filmemachern. Begleitend zu dem Vortrag eines Gedichts spielte ich auf der Lud – einer gitarrenähnlichen Laute – orientalische Musik.

-Muhammad Tamim-

 

Das Übersetzen ist ein zweipoliger Wechselschalter!

Der syrische Theaterwissenschaftler Yousef Hasan ist mit seinen Übersetzungen ein Sprach- und Kulturen-Mittler für grubengold. Was das Übersetzen mit Physik zu tun hat, erzählt uns Yousef in aller Kürze.

 

Yousef

Das Übersetzen ins Arabische schien mir lange Zeit ein lediglich zweipoliger Wechselschalter zu sein, der die Übertragung von Bedeutungen reibungslos gewährleistet, sobald die Wörter in die Zielsprache treu übersetzt werden. So einfach ist es aber nicht. Anhand einer solcher Vorstellung vom Übersetzen kann man zwar mit vielen Situationen klarkommen, es bleibt aber immer ein Rest an Interpretation. In meiner Realität bei grubengold ist der Prozess des Übersetzens sehr spannend und sagt viel über die Proben.

Die Treue zum Wort ist zwar immer erforderlich, aber das Wort-für-Wort-Übersetzen reicht nur für das Übertragen direkter, einfacher Dinge aus. Bei dem Erklären von Konzepten, Bühnenbild und der Arbeit an der Bedeutung stoße ich in meiner Rolle als Übersetzer an meine Grenzen, und es entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Interpretation und Treue.

Demokratischer, respektvoller Anspruch der Regie

Das liegt manchmal an den Schwierigkeiten beim Übertragen bestimmter Begriffe, für die sich nur schwer adäquate Wörter auf Arabisch finden lassen. Und selbst wenn diese präzise genug sind, brauchen die Akteure oft eine weitere Erklärung oder vielleicht Beispiele. Hier wird das Übersetzen nicht mehr in eine Richtung kanalisiert, sondern muss das Übersetzte an die Regisseurin zurückgehen, damit sie meine schon angegebene Erklärung bzw. Interpretation oder Beispiele prüfen kann.

Ein solcher Prozess ist spannend und reflektiert einerseits den demokratischen, respektvollen Anspruch der Regie an bewusstes Schauspiel und andererseits die Heterogenität der Akteure. Das Übersetzen läuft aber nicht ohne die Gefahr, den über den zweipoligen Wechselschalter umgelegten Text übertrieben zu kommentieren.

-Yousef Hassan-