»…und dann stand das Publikum auf und applaudierte«

Früh morgens, an einem Donnerstag Mitte Januar, sammelten wir uns auf dem Bahnsteig des Hauptbahnhofs Bochum. Wir erwarteten den Zug, der uns nach Frankfurt bringen sollte, zum Festival Fluchtpunkt Frankfurt, an dem wir drei Tage lang teilnehmen durften.

Eine Frage stand dort über allem: »Wie wollen wir leben?«

Um darauf Antworten zu finden, hatte das Schauspiel Frankfurt eingeladen – uns und andere Theater und Schulen, die mit geflüchteten Menschen Theater machen. Es war ein Festival der Begegnung, mit Musik, Schauspiel, Tanz, Literatur und Wissenschaft, mit alten und neuen Frankfurtern, mit alteingesessenen Deutschen und zukünftigen.

Auf den Bahnsteig kam auch Romy Schmidt, die Leiterin des PRINZREGENTTHEATERS. Sie wollte uns begleiten und stieg mit uns in den Zug. Später gab sie unserem grubengold-Blog ein Interview:

Romy, auf einer Reise begegnet man Menschen und dem Unerwarteten. Was hat Dich überrascht, nachdem Du mit grubengold in den Zug nach Frankfurt gestiegen bist?

Romy Schmidt: Ich habe noch nie auf einer Zugfahrt so häufig meinen Sitzplatz gewechselt. Wir alle haben das gemacht, vier Stunden lang, bis nach Frankfurt. Ständig saß ich neben anderen. Die grubengold-Gruppe ist sehr vertraut miteinander. Ich habe das Gefühl, es ist immer eine gute Zeit, wenn sie sich sehen. Sie geben aufeinander acht, sind sehr herzlich. Sie umarmen sich zur Begrüßung, dann treiben sie ihre Späße, manchmal auf Kosten eines anderen, aber immer respektvoll. Das war schön zu erleben.

Das klingt, wie eine sehr, sehr lebhafte Truppe im Zug.

Romy Schmidt: Ja, lebhaft sind sie. Und das brauchen wir auch auf der Bühne. Sie sollen sich zeigen. Aber sie haben auch ernste Geschichten, die wir auch sehen wollen. Diese Geschichten gehören zu ihnen und sie sind der Grund, weshalb sie hier sind. Niemand verlässt seine Familie und seine Heimat einfach so für ein ungewisses Ziel, für eine ungewisse Zukunft. Wer geflüchtet ist, wurde dazu gezwungen, weil es keinen besseren Ausweg mehr gab. Es ist wichtig, dass wir das verstehen. Ich hatte im Zug zum ersten Mal die Gelegenheit, ganz in Ruhe und ungestört mit unseren Teilnehmern zu reden. Es waren vier sehr emotionale, intensive Stunden.

Ein Porträt von Theaterleiterin Romy Schmidt
Romy Schmidt leitet das PRINZREGENTTHEATER.

Haben sie von sich erzählt?

Romy Schmidt: Wir haben alle von uns erzählt, wir haben uns ausgetauscht. Wir haben über Musik gesprochen, über Comics und Bücher. Sie wollten auch vieles über mich wissen. Das hat mich sehr gefreut, weil dann sehr schnell keine Rolle mehr gespielt hat, dass ich die Theaterleiterin bin. Wir sind uns auf Augenhöhe begegnet, was mir sehr wichtig war. Und sie haben mich in ihre Gruppe geholt, was ich sehr schön fand. Irgendwann habe ich mich getraut, sie nach ihren Familien zu fragen und nach ihren Fluchtgeschichten. Sie sprechen darüber nicht gerne. Die Erinnerungen sind noch sehr frisch. Fast jeder hat Familienmitglieder, von denen man schon lange nichts mehr gehört hat.
Wir in Deutschland sind mit persönlichen Geschichten viel direkter, gerade im Ruhrgebiet. Ich mag das. Und unsere grubengold-Teilnehmer verstehen, dass wir so sind. Aber wenn wir auch sie verstehen, dann müssen wir mit unseren Fragen sehr vorsichtig umgehen. Sie haben gemerkt, dass mich ihre Geschichten wirklich interessieren. Ich wurde ja in der DDR geboren – der Gedanke an die Flucht aus dem Regime war zuhause auch immer ein Thema damals. Ich habe ihnen viel aus meinem Leben erzählt und sie aus ihrem. So sind wir uns näher gekommen, es ging unter die Haut.
Aber wir haben auch sehr viel gelacht. Sie haben alle sehr viel Energie und Ideen. Und ständig fängt einer an zu singen, bis ein paar Sekunden später alle mitsingen. Es war wahnsinnig witzig. Für mich war die Zugfahrt wie eine Klassenfahrt früher, ich fühlte mich wieder wie mit 14.

Drei Tag lang war grubengold in Frankfurt, Du warst nur am ersten dabei. Wie war der Tag?

Romy Schmidt: Anfangs waren alle total aufgeregt, aber freudig. Sie konnten die Werkschau kaum erwarten, wollten gerne auf die Bühne. Ich habe in Frankfurt das erste Mal einen Ausschnitt von unserem Stück gesehen. Es war ohne Sprache, nur mit Gesang und körperlichem Spiel. Es hat mich sehr berührt. Und das ging nicht nur mir so: Da waren dreihundert Leute im Raum, alle völlig still – und dann stand das Publikum auf und applaudierte, Standing Ovations.
Später gab es Workshops, bei denen die Teilnehmer aller Gruppen mitgemacht haben, Tanz- oder Rhythmusgruppen, Schauspiel- und Sprachspielgruppen. Da war ein Wollen im Raum zu spüren, ganz viel Motivation. Ich war ganz traurig, als ich nach einem Tag wieder zurück nach Bochum fahren musste, weil ich die beiden nächsten Tage nicht mehr miterleben konnte.

Wie ist denn die alltägliche Arbeit mit grubengold?

Romy Schmidt: Bevor gewisse Dinge nicht geregelt sind, kann man nicht proben. Das ist eben so. Es gibt Wichtigeres. Wenn das Handy brummt, kann es sein, dass ein Onkel anruft, also lassen wir sie immer ans Telefon gehen. Die Frage ist dann nicht einfach lapidar: »Hallo, wie geht’s Dir?« Wenn der Anruf von weit her kommt, ist die erste Reaktion oft Erleichterung, dann Freude, ehe die jetzt ganz wichtigen Fragen kommen: »Wo bist Du? Wie ist die Lage? Ist es gefährlich? Kommst Du nach?« Die Sorge um die Familie und die Freunde tragen ja alle immer mit sich.
Sich in so einer Situation, auf eine Probe zu konzentrieren, ist für jeden schwierig.
Und dann haben alle ihren Alltag hier, den sie erst lernen müssen. Sie gehen zur Schule, lernen Deutsch, erleben die Bürokratie in einer für sie fremden Sprache. Da kommt dann ein Schreiben, das sie nicht verstehen und es erstmal weglegen. Dann kommt das nächste Schreiben und sie kriegen Angst. Oder sie müssen sich den nächsten Deutschkurs suchen. Oder sie versuchen, einen Studienplatz zu bekommen, weil sie unbedingt weiterstudieren möchten, was sie zuhause gemacht haben – damit ihnen ihre Zeit hier nicht verloren geht. Es gibt jeden Tag irgendwelche Schwierigkeiten.

Wie geht Ihr damit um?

Foto von Holger Wagner und Ronja Gerlach
Die grubengold-Macher: Holger Wagner und Ronja Gerlach

Romy Schmidt: Holger Wagner leitet grubengold, mit Ronja Gerlach an seiner Seite. Die beiden haben einen ganz tollen, menschlichen Zugang zu unseren grubengold-Schauspielern gefunden. Weil sie so nah dran sind, sind sie auch immer mit heftigen Geschichten konfrontiert. Es ist eine wahnsinnige Anstrengung, sich immer wieder darauf einzulassen. Aber die Nähe macht ihre Arbeit auch aus. Holger und Ronja haben es geschafft, dass grubengold wie eine Familie funktioniert. Keiner stellt sich über den anderen, keiner nimmt sich mehr heraus als er anderen zugesteht. Wenn sie Essen mitbringen, wird, ist es selbstverständlich, dass sie es mit allen teilen. Die Teilnehmer kannten sich vorher nicht – und jetzt halten sie als Gruppe zusammen. Gemeinsam ist vieles leichter, das merkt man. Das sollten wir uns alle bewusst machen, denke ich.
Für diese zwei Stunden aber, die wir zur Probe haben, muss man erstmal alle runterbringen. Wir schaffen unseren grubengold-Schauspielern, die ja alle keine Profis sind, eine Insel, auf der sie sich wenigstens für eine Weile frei machen können. Holger und Ronja helfen ihnen dafür auch im alltäglichen Leben, was viel Aufwand ist. Aber das Vertrauen, das sich entwickelt hat, hoffen wir auf der Bühne zu sehen. Es gibt viele Leute in diesem Land, die sich sehr engagieren und für geflüchtete Menschen tun, was sie können.

Ist das der Grund, weshalb Ihr grubengold macht, um als Theater den Geflüchteten hier den Einstieg zu erleichtern?

Romy Schmidt: Auch. Aber es ist viel mehr. Wir machen Theater für jeden, weil wir Theater für die Stadt machen. Die Menschen, die zu uns geflüchtet sind, sind ein Teil unserer Stadt. Ich empfinde das als unseren gesellschaftlichen Auftrag, dass wir uns damit auseinandersetzen, dass wir Möglichkeiten schaffen. Ich habe mit Holger Wagner schon in der Projektfabrik zusammengearbeitet. Dort habe ich gesehen, was das Theater den Menschen gibt und was die Menschen dem Theater geben.

Wie meinst Du das?

Romy Schmidt: Wie bei der Projektfabrik sehe ich bei grubengold, dass die Teilnehmer nach den Proben oder nach einer Aufführung aufrechter durch die Tür gehen. Theater zu spielen, sich auseinanderzusetzen, das macht bewusst und schafft Selbstvertrauen. Es tut ihnen gut, wenn wir diesen Menschen auf Augenhöhe begegnen und sie einbinden, wenn sie sich ernst genommen fühlen. Wer geflüchtet ist, kann ja nur in den seltensten Fällen unsere Sprache. Nicht nur in Deutschkursen zu lernen, wie man sich ausdrückt, sondern sich dabei auch sicher zu fühlen, wenn man ja sagen möchte oder nein, wenn man seinen Willen benennen kann, das ist wichtig. Das kann man sich im Theater erarbeiten.
Und für uns erweitert die Arbeit mit grubengold den Horizont. Ich will nicht, dass unser Theater nur im eigenen Kosmos schwirrt. Ich will, dass wir uns von außen das Leben ins Theater holen, dass wir uns mit Realtitäten konfrontieren und sie zeigen. Das ist, was wir am PRINZREGENTTHEATER umsetzen und leben wollen. Die geflüchteten Menschen in unserer Stadt, in unserem Land, sind Realität. Ich finde, es ist wichtig, dass wir für sie da sind, wenn sie uns brauchen, dass wir sie unterstützen. Für mich ist das nur menschlich und selbstverständlich.

Das heißt grubengold bleibt kein einmaliges Projekt? Es wird grubengold auch in der kommenden Spielzeit geben?

Romy Schmidt: Wir werden auch in der kommenden Spielzeit mit grubengold arbeiten und wieder ein neues Stück aufführen. Die Gruppe, die jetzt ihre ersten Erfahrungen sammelt, wollen wir weiterentwickeln. Im Laufe der Zeit wird künstlerisch noch mehr möglich sein. So wie wir es mit unserem Jugendclub Junge Prinzess*innen schon geschafft haben, soll grubengold ein kleines, festes Ensemble an unserem Theater werden, mit dem wir die Lebensgeschichten dieser Menschen begleiten.

Bald ist Premiere von grubengold, am 1. April. Was wünscht Du Dir für den Abend?

Romy Schmidt: Ich wünsche mir für die Teilnehmer, dass sie alle ihre Energie auf die Bühne bringen und hinterher stolz sind auf das, was sie geleistet haben. Weil es eine große Leistung ist, ihre Geschichte künstlerisch, poetisch und musikalisch zu erzählen und vorher das Lampenfieber zu überwinden. Ich hoffe, dass grubengold dazu beiträgt, dass sie Lust auf die Zukunft haben und Möglichkeiten finden, ihr Leben zu gestalten.
Es sind einfach spannende, junge Leute, die ihr Leben in die Hand genommen und eine Richtung gegeben haben, indem sie sich ganz klar entschieden haben. Jeder grubengold-Teilnehmer hat einen Spirit, den er oder sie mitgebracht hat, eine Lebenslust. Ich hoffe, dass wir das sehen, dass wir das erkennen können. Wir, die schon immer hier leben. Weil ich glaube, dass wir vieles ihnen lernen können. Deswegen ist es mir wichtig, dass wir sie nicht als Opfer wahrnehmen, sondern auf Augenhöhe, als Menschen wie Du und ich. Es ist egal, ob jemand geflüchtet ist oder nicht. Es ist wichtig, dass wir aufeinander achten. Das gilt doch für die ganze Gesellschaft, in der wir leben. Und die grubengold-Gruppe macht mir das immer wieder vor. Ich bewundere sie dafür.
Und ich wünsche mir, dass das Publikum nach der Premiere auch Lust hat, die Teilnehmer kennenzulernen, dass es einen Austausch gibt. Wie es sich für eine ordentliche Premiere gehört, machen wir danach auch eine Party, bei uns am Theater in der Prinz Bar, mit Musik und gemeinsamem Essen.
Was mir zuletzt aufgefallen ist: Es ist sehr ausgeprägt bei unseren Teilnehmern, dass sie permanent versuchen, schöne Momente festzuhalten. Das ist ihnen ein echtes Bedürfnis. Wenn ihnen etwas gefällt, dann machen sie ein Foto und schicken das zur Familie oder an Freunde. Fotos, auf denen sie lachen, weil sie gerade eine gute Zeit haben.
Wir werden nach der Premiere natürlich noch weitere Vorstellungen in dieser Spielzeit spielen, einmal auch in der Jahrhunderthalle. Und dann gehen wir in die nächste Spielzeit. Ich wünsche mir, ganz grundsätzlich, dass wir mit grubengold noch ganz, ganz viele Momente finden, die unsere Teilnehmer festhalten wollen.

 

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Informationen zu anderen Teilnehmerm am Festival Fluchtpunt Frankfurt findet ihr auf den jeweiligen Internetseiten:

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