Ich, mein Lager

Yarmuk, das palästinensische Füchtlingslager südlich von Damaskus, 2012. Die Regierungstruppen bombardieren das Lager, verhaften und töten Menschen. Ein junger Sanitäter birgt Verletzte und hilft Menschen. Er wird schwer verletzt.

Später schreibt er dieses Gedicht


 

Ein Lager
oder vielleicht

Schmerz.


Ich bin es leid,
Zwiesprache mit dem Nichts zu halten.

Eine Illusion irrt um ihren Schatten,
gezeichnet vom Schicksal.

Ich bin es leid,
die Vollkommenheit zu beschwören,
die Hüfte einer Frau,
Teil einer tauben Sinnestäuschung.


Eine andere Geschichte,
ich werde euch von meinem Lager erzählen.


Ein Morgen in all seinen Farben.

Eine absurde Heimat
namens »Lager«.

Von welchem Morgen soll ich berichten?
Von welchem Lager?

Hier ist das Lager.


An der Todesstelle
erinnert
der Duft des Thymians
an Morgentau und Blut.

Unsere Tragödie,
die das Heer der Barbaren
nicht verstehen wird,
ebensowenig wie
die verbohrten Parolenschwenker
des Regimes.

Wenn wir denn ein Land lieben,
ist der Tod unser Schicksal,
und wir errichten
ein Monument für die Freiheit.

Hier in dieser blutigen Gegenwart,

kann da der Liebende
seine leidenschaftliche Liebe
in verwaisten Versen beschreiben,


oder der Revolutionär
zu seiner Gitarre singen
ohne seinen Tod zu fürchten?


Nehmen wir an, wir träumten.

Jener Morgen,

der den Duft
der sündhaften Begierde ausströmt,

schreibt Verse,

wie sie ihm in den Sinn kommen,
besingt die Liebe zum Leben.

Nehmen wir an, wir träumten weiter.

Was wird dieser Morgen bringen?

Zeichnet er mich
mit den Splittern eines stummen Traumes?


Mein Freund.

Weggefährte des Todes
und »Sinnbild des Lagers«.

Wird er schließlich
keine Leichentücher mehr weben

für die Jungen,
für die Alten,

die ihn voller Schmerz fürchten,
ihn und den plötzlichen Tod,
bei dem die Kälte ihr Lied anstimmt.


Ich will nichts mehr annehmen.

Aus solchen Gespinsten
erwächst nur Falsches.

Als mein Großvater von der Rückkehr sprach,
in dieses Land mit seinem bitteren Duft,
da brachte ihn das zum Weinen.

Ich werde von nun an nichts mehr annehmen.


Ich werde nach Hause zurückkehren,

nicht um den Himmel
in meiner Hand aufzufangen,

nicht um die kleinen Steine
vom Boden aufzusammeln,

nicht um in einem Lager,
das sich mit den Splittern des Exils vermählt,
aus dem Überwurf aus Wolken
ein Zelt zu errichten.

Doch immer wieder
werde ich die Geheimnisse
des verbrannten Steines
in der lodernden Mauer bloß legen.

Ich warte auf den Tod,
um dann zu leben,
warte auf einen Traum,
um an ihm zu sterben.


Hier ist das Lager,

nicht darüber zu sprechen
wäre Ketzerei.

Darüber zu sprechen
wie die Geschichte des Schmerzes
von Adam bis zum Kreuz.

Mein Schmerz!

Immer wieder werde ich
zu dir als meiner Heimat zurückkehren,
zum Schmerz, den ich Lager nenne.


Wie soll mir jenes Lager vergeben.


Morgen

werde ich es durchstreifen
und von der Morgendämmerung träumen,


an seinen Schwellen werde ich

das Blut der Getöteten trinken
und die Spuren der Barbaren vernichten.


Ich, mein Lager

kann nichts mehr sagen,
kann mich nur noch »entschuldigen«.

 

von Yousef Ahmed ZaghmoutYousef Zaghmout

 

Übersetzung: Michaela Kleinhaus


 

 

Yarmuk: »Das Viertel ist aus einem palästinensischen Flüchtlingslager hervorgegangen. Sie flüchteten seit 1948 wegen der Auseinandersetzungen zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten nach Damaskus, und siedelten sich im südlichen Stadtteil Jarmuk an.

Bis 2012 lebten in Jarmuk etwa 150.000 Menschen.

Im Frühjahr 2015 war Jarmuk von IS-Extremisten eingeschlossen und somit von der Außenwelt abgeschlossen. Anfang April 2015 war das Lager unter Kontrolle des IS. Am 8. April 2015 kündigte die syrische Regierung die Rückeroberung an. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon appellierte am 10. April 2015 an die Weltöffentlichkeit, dass Jarmuk einem Todeslager gleiche und sich hier eine Katastrophe von epischem Ausmaß zutrage. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich etwa 16.000 Menschen in Jarmuk, darunter 3.500 Kinder.«


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