Wünsche vom Glück

Als ich in Deutschland ankam, war ich anfangs sehr glücklich: ein völlig neues Gefühl von Sicherheit. Und Zuversicht: Ich würde mein Studium abschließen, meine Familie und meine Verlobte zu mir holen, ein neues Leben beginnen.

Doch nach einiger Zeit war ich frustriert von all der Bürokratie und Routine, die Zuversicht wich. Ich kann mein Studium nicht abschließen und ich bin meiner Familie fern; und meiner Verlobten.

Mein Gefühl gegenüber Deutschland veränderte sich allmählich. Ich sehnte mich nach Ruhe und Stabilität, nach Sicherheit. Aber alles, was ich meiner Familie nun sagen konnte, war, dass ich gleichzeitig glücklich und unglücklich bin:

Manchmal freue ich mich, in Deutschland so viele nette und gute Menschen kennengelernt zu haben, die mir wie eine Familie sind; und manchmal fühle ich nur, dass ich meine Familie und meine Freundin so sehr vermisse, dass ich überhaupt keine Freude am neuen Leben empfinde.

Ich lebe in einem Widerspruch.

Ich kann mich nicht auf die Dinge um mich herum konzentrieren. Ich kann wirklich sagen: Mein Körper ist in Deutschland, aber meine Gefühle sind dort in Syrien bei meiner Familie, die im Krieg lebt; und bei meiner Freundin, die im Libanon weder weiter studieren noch arbeiten kann, weil sie Palästinenserin aus Syrien ist und keine Aufenthaltsgenehmigung bekommt.

Ich habe das Gefühl, als habe ich sie verloren und dass ein neues Leben sie mir sicher nicht ersetzen kann. Ich wünsche vor allem eines: dass ihnen nichts passiert und es ihnen gut geht – das ist mein erster Wunsch.

So geht es, glaube ich, vielen Menschen, die geflüchtet sind: Sie haben ein ganz normales Leben gelebt mit Freunden und Familie, gearbeitet und etwas besessen – und dann alles verloren. Ohne dass sie es wollten, mussten sie in die Fremde, getrennt von den Freunden und der Famile. So ging es mir. So ging es vielen, die ich kenne.

Ich hoffe, dass man in Deutschland versteht, was es heißt, ein Flüchtling zu sein. Wir sind nicht wegen des Geldes gekommen. Viele von uns, auch ich, haben Freunde und Familie verloren, wir haben viel Blut gesehen und Menschen sind vor unseren Augen gestorben. Deswegen suchten wir Sicherheit. Wir sind voller Lebenskraft und Lebensfreude, wir möchten unser Leben gestalten, etwas erreichen.

Dass man uns so begeift in Deutschland – das ist mein zweiter Wunsch. Denn dann versteht man den Widerspruch, in dem wir leben: Als Flüchtling kann man sein Leben nicht frei bestimmen, man hat keinen Ort, an dem man sein kann mit der Familie und den Freunden, mit der Verlobten, nicht in Syrien, nicht im Libanon, nicht in Deutschland. Und wo immer man in Sicherheit ist: die Verlobte, die Freunde, die Familie, sie fehlen.

 

von Muhammad TamimMuhammad Tamim

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