Endlich. Und viel zu spät

Ordnung.
Alles in Ordnung.

Ich habe dieses Wort, diesen Satz oft betrachtet. Nicht nur in unserem Theaterstück, auch im alltäglichen Leben. Genauer gesagt in diesem Dasein als Flüchtling, das ich hier in Deutschland lebe.

Ich heiße Yousef Zaghmout und lebe seit einem Jahr und vier Monaten in Deutschland. Geflüchtet bin ich aus Syrien, wo ich schon als Flüchtling geboren wurde, als Sohn palästinensischer Eltern. Vor einigen Jahren dann kam der Krieg dorthin, wo ich lebte – und eines Tages flüchtete ich, zunächst in den Libanon, später weiter nach Deutschland.

Ich wende Ordnung an.
Genauer oder ehrlicher gesagt: Die Ordnung passt mich an.
Ich habe keine Wahl und keinen eigenen Wunsch.

Ein Jahr und drei Monate habe ich darauf gewartet, meinen Deutschkurs zu beginnen und die wichtigsten Bestandteile meiner Integration in die deutsche Gesellschaft zu erlernen, vor allem also: die Sprache. Vielleicht sollte man erwähnen, dass ich das seit meiner Ankunft, seit dem ersten Monat gewünscht und eingefordert habe.

Nun gehe ich jeden Morgen zum Kurs, um meine Zunge an die deutsche Aussprache zu gewöhnen. Ich freue mich, doch ich schäme mich gleichzeitig: Wie kann es sein, dass jemand wie ich, um die zwanzig Jahre alt, keinen Dialog, kein Gespräch von mehr als zwei Minuten Dauer führen kann? Ich habe viel alleine gelernt, Wörter und die Regeln der deutschen Sprache, ihre Ordnung, aber irgendwann kommt man alleine nicht mehr weiter. Nun also dieser Sprachkurs. Endlich. Das Gesetz hat mir diesen Sprachkurs zu einem Zeitpunkt gegeben, da ich ihn hätte abschließen müssen.

Ein Jahr und zwei Monate bin ich zwischen verschiedenen deutschen Städten hin- und hergezogen, bis sie zu einem Teil meiner Erinnerung und der Flut meiner Flucht geworden sind. In dieser Zeit hatte ich keine Wohnung, in der ich wenigstens teilweise mein eigenes privates Leben wie früher hätte führen können. Vor zwei Monaten erst habe ich eine Wohnung bekommen, davor war ich nur ein auf Deutsch beschriebenes Blatt Papier, von dem ich nur verstand, dass ich jetzt Deutsch lernen soll und dass ich ein Flüchtling mit ungeklärter Staatsangehörigkeit bin.

Das ist nichts außergewöhnliches hier, es ist auch keine Tragödie. Es passt zu den beiden Wörtern, die ich hier am häufigsten gehört habe: »Warte« und »Ordnung«.

Ich möchte diesem Warten und der Ordnung, dem Gesetz, gleichermaßen danken. Ich möchte sagen, wie sehr ich mir diese Ordnung gewünscht habe.

Ich bin jetzt an einem Punkt, den ich schon viel früher hatte spüren müssen. Dass ich, nachdem ich ein Jahr und vier Monate wie erstarrt war in diesem Land, mich nun endlich als das empfinde, was seit dem ersten Tag in meiner Akte steht:

»Ein Bewerber um humanitäres Asyl«

 

von Yousef Ahmed ZaghmoutYousef Zaghmout

 

 

 

Viele der grubengold-Teilnehmer sagen, dass grubengold für sie wie eine Familie geworden ist. Eine Familie die Halt gibt, Trost spendet und in der man die Gemeinschaft genießen kann. Doch manchmal braucht man seine richtige Familie. Und die Freunde, die man schon ewig kennt. Wenn man nicht bei diesen Menschen sein kann, tut das weh. Dann braucht man vielleicht etwas Zeit für sich.
Yousef hat entschieden, erst einmal nicht mehr an den Proben teilzunehmen und auch bei unserer nächsten Aufführung zum Spielzeit-Ende am PRINZREGENTTHEATER wird er fehlen.
Aber: Er wird Teil unserer grubengold-Familie bleiben und wir freuen uns auf seine Rückkehr, wenn er sich sich wieder besser fühlt.

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