Was ist überhaupt ein Flüchtling?

Ein Flüchtling ist ein Flüchtling ist ein Flüchtling.

Deutschland 2014: Hunderttausende Menschen flüchten über die Grenze nach Deutschland. Sie entkommen Krieg, Hunger, Verfolgung und fehlenden Perspektiven. Deutschland 2015: mehr als eine Million weitere Menschen fliehen hierher. Es raunt ein „Willkommen!“ durch Deutschland. Menschen heißen die Ankommenden an Bahnhöfen willkommen, arbeiten unermüdlich als ehrenamtliche Helfer in Flüchtlingsunterkünften. Mit der Zeit freuen sich immer weniger Deutsche über die Neuankömmlinge und alle die noch nachkommen.

Deutschland 2016: mehr als eine halbe Million Menschen stellen einen Asylantrag.

Es sind so viele Menschen nach Deutschland gekommen – keine Gesichter, sondern eine Masse an Menschen. Ein Flüchtling ist ein Flüchtling ist ein Flüchtling. Refugees welcome.

Aber: wer sind diese Flüchtlinge? Wer ist ein Flüchtling und wer nicht?

Art. 1 der Genfer Flüchtlingskonvention besagt, dass ein Flüchtling eine Person ist, die „… aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will . . .“ Also: Verfolgung aus bestimmten Gründen und Schutzbedürftigkeit.

Diese Definition ist kategorisch. Sie bedeutet, dass der Mensch, der flieht, weil er nichts zu essen hat, kein Flüchtling ist. Auch ist die Frau, die vor ihrem schlagenden Ehemann flieht, unerwünscht. Und schon gar nicht ist jemand ein Flüchtling, der sich einfach ein neues Leben aufbauen will.

Dezember 2015. Kurz vor 10 Uhr abends. Eine Turnhalle einer stillgelegten Hauptschule am frühen Morgen. Schultische sind in Gruppen zusammengestellt. Braune Plastikbecher und heißer Kaffee stehen auf jedem Gruppentisch. Eine kleine runde Frau mit Kopftuch und vielen vielen großen Plastiktaschen ist gerade angekommen. Sie sieht freundlich aus. Frisch von der Grenze, sozusagen. In anderen Zeiten ist sie bestimmt ein fröhlicher Mensch. Mit ihren drei Kindern wurde sie in eine Stadt im Ruhrgebiet verteilt. Die kleine Familie hat mehr als 6000 km zu Fuß, in Jeeps, auf Schlauchbooten zurückgelegt. Die Frau und ihre Kinder haben eine fast 50%-ige Chance in Deutschland zu bleiben. Denn sie ist Afghanin. Ist sie ein Flüchtling?

November 2015. Es ist das zweite Krisengespräch abends auf dem Hof des Flüchtlingsheims. Eine Frau will zurück nach Syrien. Sie kommt aus Aleppo. Zwei Mal musste sie mit ihrem Mann das überfüllte Boot übers Mittelmehr nehmen. Die Frau war Anwältin in Aleppo – angesehen und wohlhabend. Jetzt sei sie ein Flüchtling und deshalb ein Niemand, wie sie meint. Sie will nach Aleppo zurück. In das zerbombte Aleppo, in dem Tausende von Zivilisten festsitzen und abgeschlachtet werden. Sie will, dass ich ihr helfe dorthin zurückzukehren. Das lehne ich strikt ab. Wir diskutieren noch lange. Einige Monate später will die Frau wieder wissen, ob sie zurückkehren solle, könne. Sie will in ihr altes Leben zurück. Wieder Anwältin sein, wieder ihr Haus bewohnen, wieder Ansehen und Freunde haben. Ich verstehe nichts, aber ich verstehe auch alles. Ist sie ein Flüchtling in Deutschland oder wäre sie eine Fliehende in Syrien?

Georgien Anfang der 90er Jahre. Ein Mädchen wird im September in die erste Klasse der Schule Nr. 23 eingeschult. Ihre Eltern sind als Wissenschaftler in Deutschland. Das kleine, zarte Mädchen hat ein braunes Kleidchen mit einer weißen Schürze an. Das muss sie an jedem Schultag tragen. Ab Ende Januar kann die ganze erste Klasse der Schule Nr. 23 keinen Unterricht mehr machen. Es sind Schulferien, sozusagen. Die Fensterscheiben der Schulklasse wurden von Unbekannten eingeschlagen. Es ist kein Geld für Reparaturen da. Das kleine Land im Kaukasus wird zerrissen, aufgefressen von zwei Bürgerkriegen. Es gibt paramilitärische Milizen auf den Straßen der Hauptstadt. Die Mutter holt ihr kleines Mädchen. Es geht über Moskau mit dem Flieger nach Deutschland. Familiennachzug, sozusagen. Eine Flucht ist das nicht. Das kleine Mädchen bin ich.

Ein Flüchtling ist kein Flüchtling. Ein Flüchtling ist ein Mensch, der sich auf den Weg macht.

-Elena Boroda-

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s