Nicht einfach nur eine Sprache!

Leiden (an) einer Sprache

Bevor ich in die staatliche syrische Schule kam, hatte ich keinerlei Beziehung zur arabischen Sprache. Wir alle, meine Familie und ich sprachen Kurdisch zu Hause, im Dorf wie auch in der Stadt. Ich hatte keinerlei arabische Freunde. Der erste arabische Junge, den ich kennenlernte, war ein neuer Freund aus einem Nachbardorf. Doch dieser Freund sprach ebenso gut Kurdisch wie ich oder sogar besser, er sprach sogar mit meinem Großvater Kurdisch, der gebrochen Arabisch sprach. Nie war mir in den Sinn gekommen, meine Mutter einmal nach der Sprache zu fragen, in der sie ihre Gebete murmelte. Erst später erfuhr ich, dass es Arabisch war und dass diese einfache Frau vom Land nicht wusste, was sie betete, denn sie konnte die arabische Sprache weder lesen, noch schreiben, noch sprechen. So ist es bis heute.

In meinem ersten Jahr in der Grundschule war ich sehr erstaunt, Mitschüler zu haben, die eine mir unverständliche Sprache sprachen. Doch jetzt war ich gezwungen, diese Sprache, die mein Freund sprach und in der meine Mutter ihre Gebete sprach, zu lernen, ob ich wollte oder nicht. Ich musste meine kurdische Sprache, in die ich geboren und mit der ich aufgewachsen war, vergessen. Der Lehrer in der Schule, der aus Latakia im äußersten Westen Syriens in den äußersten Osten gekommen war, hatte einen langen Stock, mit dem er mich jedes Mal schlug, wenn ich mit einigen Mitschülern – fast alle Kurden – auf Kurdisch sprach. Manchmal steckte er einen Stift zwischen meine Finger und drückte dann fest meine Hand zu. Das tat sehr weh. Ich war machtlos: Wollte ich in der Schule bleiben und weiterlernen, musste ich Arabisch lernen, komme was wolle.

Einer der Mitschüler war in der ersten Klasse durchgefallen und wiederholte nun das Schuljahr, so dass er schon etwas Arabisch konnte. Seine damalige Situation ähnelt der heutigen Situation eines syrischen Flüchtlings in Europa, der nach einem Jahr schon ein wenig Deutsch oder Französisch kann, sodass er sich im Alltag helfen kann. Dieser Mitschüler half mir, mit dem Lehrer zu sprechen, Dieser Mitschüler half mir, mit dem Lehrer zu sprechen, der auch kein Wort Kurdisch hören wollte. Schon ein einziges Wort auf Kurdisch zog den Stock nach sich.

Wir hatten noch einen weiteren kurdischen Mitschüler, der besser Arabisch konnte als der andere; er wurde für mich zum „vereidigten Übersetzer“. Er konnte Arabisch, da in seinem Dorf einige Araber lebten, die das Regime umgesiedelt hatte in das kurdische Gebiet, um so die demographischen Verhältnisse zu verändern. So hatte er Arabisch gelernt noch bevor er in die Schule kam, Damit hatte er Glück, denn so blieben ihm Strafen für den Gebrauch seiner Muttersprache erspart. Bis zur dritten Klasse dauerte mein Leiden, denn ich lernte zwar im ersten Jahr, Arabisch zu lesen und zu schreiben, doch hatte ich keinerlei Gelegenheit die Sprache zu sprechen. Ich wollte um keinen Preis Arabisch lernen, diese Sprache, die nicht meine Muttersprache war und in der man mich beleidigte und erniedrigte, doch ich war machtlos. Ich habe es geschafft, ich, spreche seitdem fließend Arabisch. Erst mit 21 Jahren lernte im Geheimen, auch Kurdisch zu lesen und zu schreiben. Im Vergleich zu anderen war ich damit noch jung, der Generation vor mir blieb es verwehrt, in ihrer Muttersprache Lesen und Schreiben zu lernen – in einem Land, das doch ihre Heimat hätte sein und in dem ihre Muttersprache dennoch verboten war.

An all dies erinnerte ich mich anlässlich eines Gesprächs mit einem befreundeten syrischen Dichter, der mit einer Europäerin verheiratet war. Er sagte mir mit großem Schmerz: „meine Frau weiß nicht einmal, was ich über sie schreibe in meinen Gedichten in arabischer Sprache.“ Diese flüchtige Bemerkung meines Freundes erinnerte mich an die langen Texte, die ich Jahre zuvor auf Arabisch für meine Mutter geschrieben hatte. Bis heute weiß sie nicht, was ich damals über sie schrieb, obwohl ich mich ihr zuliebe mehrfach bemüht hatte, sie ins Kurdische zu übersetzen.

Auf Kurdisch scheint mir mein Schmerz gewaltig, während er auf Arabisch ein Zwerg ist, doch in beiden Fällen ist es ein Schmerz an einer Sprache, die man gegen seinen Willen gelernt hat, wie es bei den Kurden in Syrien der Fall war.

-Jihad Kinno-

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