Wo ist Heimat? Und ist das überhaupt wichtig?

Ensemble-Mitglied Balaji führten Hoffnungen und Träume nach Europa. Über das Schicksal als Immigrant und seine Erkenntnisse auf einem schweren und einsamen Weg berichtet er uns.

vlcsnap-2017-03-14-12h35m47s193
Foto: Carsten Schecker

I’MMigrant: Träume eines Mannes ohne Heimat

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich endlich träumte, während ich wach war. Es gab einen Präsidenten Indiens, Dr. A.P.J. Abdul Kalam. Er sagte einst: „Der Traum ist nicht etwas, was du siehst, wenn du schläfst, sondern etwas das dich nicht schlafen lässt.“

Als ich jünger war, bedeutete es alles für mich: Nach Europa zu kommen und mein Leben und meine Freiheit zu finden. Denn zu Hause fühlte ich mich verloren. Auf dem Weg dieses Traums vergaß ich jedoch eine Sache, etwas, was mein Vater immer sagte: „Die Freiheit hat einen Preis.“

Am zweiten Oktober 2011 erreichte ich Offenburg, um dort zu studieren. Master of Science in Energieumwandlung und Management. Es wiegt schwer, sieben Jahre deiner Zwanziger zu verlieren, egal zu welchem Preis. Vielleicht werde ich mit 50 sagen, dass ich damals leichtsinnig war. Aber: Hat es jetzt eine Bedeutung? Neee!

Ich bin ein Zugewanderter oder ein Expat oder was auch immer man so jemanden wie mich nennt. Ich weiß nicht genau wie weit es nach Hause ist, aber es ist schon eine beträchtliche Distanz. Zumindest war es mein Gefühl, als ich ich hier bleiben musste, ohne zur Bestattung meines Großvaters reisen zu können. Ich meine, dass die Grundlage des Menschseins darin besteht, mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen. Manchmal ist das schwer. Insbesondere, wenn du nicht weißt, wo du deine Füße hinstellen kannst.

„Alles ohne Freiheit ist nichts“

Ich weiß nicht, von wem ich es lernte – den Unterschied zwischen Mitgefühl und Empathie, aber es war als ich 16 war. Von da an bin ich entweder emphatisch oder egoistisch. Ich fand Trost in dem Schwarz und Weiß des Lebens und fühlte, dass es die Realität dieser Welt ist. Schwarz und Weiß.

Ich habe reiche Menschen an mir vorbei gehen sehen, die Dinge nehmend, welche nach meinem Gefühl mir zustanden. Ich wartete währenddessen. Ich sah auch Menschen, die das Gleiche empfanden, als ich Dinge bekam. Ich weiß nicht, was der schwierigere Part ist. Oder was der bessere Part ist. Mensch zu bleiben oder ein Lebewesen mit abgestumpften Sinnen zu werden.

Wenn deine eigenen Leute dich so behandeln als hättest du keinen Respekt für deine Heimat und wenn die Menschen an dem Ort, den du für dich gefunden hast, dich so behandeln als hättest du nichts zu sagen: Dann fühlst du dich als Immigrant. Ich bin weder dazu geeignet die Sympathien, die Menschen einem Flüchtling geben, noch die Rechte eines Bürgers zu bekommen.

„Ohne Freiheit ist alles nichts; Freiheit ohne zusätzliche Dinge ist alles.“

Ein Flüchtling hat seinen Weg nach Hause verloren. Ein Bürger hat Heimat. Wo stehe ich?

Die Brücke der Identität bricht zusammen 

Es gab Zeiten, da wollte ich nicht aus Deutschland weg – den Ort, den ich für mich gefunden hatte. Aber ich wurde dazu aufgefordert. Es gab Zeiten, da konnte ich aus anderen Gründen nicht zurück hierhin.

Was ist das Leben wert ohne die Möglichkeit, geliebte Dinge zu tun? Wie in der Comedy, ist im Leben das Timing entscheidend.

Ich habe Menschen gesehen, wie sie sich nach ihrem zerstörten Heimatland sehnten, es vermissten. Aber in meinem Herzen gab es nicht ein solches Gefühl. Bedeutet das, dass ich Indien nicht vermisse? Ich denke, es gibt einen Grund, dass ich hier bin, Ein guter Grund, dass die Anstrengungen und Opfer sich als lohnenswert erweisen. Wenn du auf der einen oder anderen Seite einer Brücke bist und die Brücke zusammenbricht, weißt du immerhin, wo dein Platz ist. Wie sieht es mit Menschen aus, die wie ich mitten auf der Brücke stehen, wissend, dass das mein Platz sein muss und bleiben wird?

Ich bin ein schlechter Schwimmer. Aber auch schlecht im Aufgeben. Deshalb habe ich meinen Weg zum Ufer gefunden als die Brücke der Identität zusammenbrach und bin hochgeklettert und zu dem Ort gegangen, den ich für mich gewählt hatte.

„Ich hoffe zu erwachen und etwas Gutes zu tun“

Es gab Momente, in denen es nicht so leicht war aufzugeben, anders als manch einer behauptet. Es ist auch schwer uns, unsere Seele einer Sache zu verschreiben. Aber: Wie lange werde ich das noch durchleben? Und: Wozu?

In einem bestimmten Lebensalter war es so: Sah ich eine Mauer, bin ich diese härter und härter angegangen, bis sie brach. Und ging dann meines Weges. Mit der Zeit finde ich die Mauern fester und mich schwächer. Jetzt stehe ich da und schaue mich nach einer Tür oder Leiter um.

Ich sehe Menschen in ihrer Heimat wie sie sich über Ausländer ärgern. Ich sehe Menschen, die dafür kämpfen, den Zugezogenen zu helfen. Ich sehe Menschen, die darum kämpfen, an einem Ort, der nicht ihre Heimat ist und nie zu einer solchen werden wird, zu überleben. Ich stecke zwischendrin. Sie fühlen, dass es keine Möglichkeiten für sie gibt. Manche Menschen können die Welt nicht verändern. Und schlimmer als das, manche Menschen können sich selbst zum Besseren nicht verändern. Und mittendrin – da bin ich. Der Mann in der Mitte, der schlaue Asiate (im Vergleich zum Flüchtling) und derjenige, der seinen Job verlor (an einen Einheimischen). Ich hoffe zu erwachen und etwas Gutes zu tun. Nicht nur für mich, aber für die Menschen, die ich zurückgelassen habe und die Menschen, die ich hier gefunden habe.

Mehr als alles andere hoffe ich, dass diese Welt sich verändern wird und mit ihr die Menschen. Menschen werden ihre Heimat wiederfinden. Es wird eine Welt geben, in der diese Menschen ihre Heimat nicht verlassen müssen. Es wird auch einen Ort geben, an dem andere Menschen willkommen sein werden. Ich hoffe und glaube daran mit einem Lächeln im Herzen.

-Balaji Govindarajan-

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s