Damaskus in Bochum

Michaela Kleinhaus sorgt dafür, dass sich unsere Ensemble-Mitglieder verstehen und nicht an einander vorbei sprechen. Michaela ist studierte Arabistin und übersetzt für uns. Dass so viele Syrer nach Bochum kamen – darauf hat sie einen ganz eigenen Blick. 

Kleinhaus_Damaskus
Aus dem Viertel Suq Sarouja nebenan/ Der Blick aus meiner Wohnung in Damaskus

Fragte ich früher meine KursteilnehmerInnen, warum sie Arabisch lernen, erzählten viele, dass sie gerne in die arabische Welt reisen wollten, dass sie arabische Musik liebten, die arabische Schrift mochten oder über die arabische Küche zur Sprache gekommen waren. Mit Beginn des arabischen Frühlings nahm dann die Zahl der JournalistInnen zu, die einen sprachlichen Zugang zur arabischen Welt suchten.

In den letzten  zwei Jahren kommen nun Menschen, die im  aktuellen oder zukünftigen persönlichen oder beruflichen Umfeld  erste sprachliche Brücken schlagen wollen oder vielleicht auch einfach nachvollziehen wollen, wie es ist, wenn man – wenn auch in diesem Fall nur sprachlich – ganz neu anfangen muss.

Denn seit 2015 ist das, was vorher sehr weit schien, näher gekommen. Unterwegs in der Stadt hört man Arabisch, bei McDamascus kann man Shawarma essen, überkommt mich die Lust auf süße Kunafa, muss ich nur zum Rathaus pilgern. Das türkische Geschäft um die Ecke, in dem neuerdings ein junger Kurde aus Syrien arbeitet, führt auf einmal nahöstliche Produkte; die Verkäufer sagen jetzt ma fih, al-yom la oder bukra und können auf Arabisch zählen.

„Die Furcht mancher Menschen vor dieser  „Welle“ hat viel mit Unbekanntem, Unvertrautem zu tun“

Ich weiß natürlich, dass es viele Menschen gibt, die aus dem Iran, Afghanistan, aus Eritrea oder dem frankophonen Westafrika geflüchtet sind. Doch in meiner Wahrnehmung überwiegen die arabischsprachigen, denn für mich sind dies vertraute Klänge. Wenn ich nun durch die Straße laufen und dabei auf Arabisch telefoniere, kann ich mir nicht mehr sicher sein, dass mich kaum jemand versteht, wie es vorher der Fall war.

Die Furcht mancher Menschen vor dieser  „Welle“ hat viel mit Unbekanntem, Unvertrautem zu tun, die Vorurteile sind noch unscharf, was sagen dieser Bart und jenes Kopftuch über die Gesinnung ihrer Trägerinnen. Wie muss ich die ungewohnten Töne interpretieren? Döner und den Kuaför Salonu ist man gewohnt, doch nun zieren auf einmal Schilder in fremder, arabischer Schrift die Schaufenster mancher Geschäfte. Viel mehr Menschen als ich es erwartet hätte, machen mit, informieren sich, engagieren sich – auf der einen Seite – auf der anderen Seite nun die obligatorische Frage bei der Wohnungssuche: Beziehen Sie Geld vom Job Center, um nicht sagen zu müssen, nein danke, keine Flüchtlinge.

Erklären, wie Deutschland und die Deutschen ticken

Damaskus  in Bochum, genauer gesagt geflüchtete Menschen aus Syrien in Bochum, heißt auch, dass ich nun Baumärkte im Umkreis, die Möbelseiten von eBay, günstige Mobilfunktarife und Wörter wie Integrationskurs, Familienzusammenführung, Maßnahme und den Unterschied zwischen Job Center und Arbeitsamt kenne.

Ich bin dabei, kann zwar sprachlich helfen, bin aber in bürokratischer Hinsicht häufig ebenso ratlos wie diejenigen, die mich fragen. Dafür kann ich erklären, wie Deutschland und die Deutschen ticken, denn das lernt man vor allem abseits des Sprachkurses im Kontakt mit den Menschen. Auch mir musste man so manches erklären bei meinen Aufenthalten in verschiedenen arabischen Ländern.

Ich mache also nun auch in meiner privaten Umgebung das, was meine berufliche Tätigkeit schon lange ausmacht: Ich vermittle zwischen Sprachen und Kulturen, doch nun auch in die andere Richtung.

-Michaela Kleinhaus-

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