Muttersprache – Georgisches Säbelrasseln

2495428644_0288e518a1_bElena Boroda schreibt übers Säbelrasseln und was sie sonst mit ihrer ersten Muttersprache anstellt.

Von den Himba im Namibia ist bekannt, dass sie in ihrer Sprache nicht „grün“ und „blau“ unterscheiden. Es gibt nur das Wort „borou“ für das gesamte grün-blaue Farbspektrum. Zwar bin ich keine Himba, aber die erste Sprache, die ich erlernte, kennt unzählige Wörter für Regen, aber auch das Lachen. Und natürlich ein einzigartiges Wort für den leckersten Käsekuchen, der gar keiner ist: den Khachapuri.

Nun von kulinarischen Genüssen will ich gar nicht erzählen – auch wenn ich könnte und wie ich könnte! Auch nicht davon, dass ich heutzutage mindestens eine Muttersprache mehr habe. Also: zurück zum Wesentlichen.

Georgisches Säbelrasseln

Meine Muttersprache ist Georgisch. Das ist eine ganz uralte Sprache. Bin ich im öffentlichen Raum irgendwo in Europa und meine Mutter ruft an – und das tut sie oft, denn sie ist eine georgische Mutter (jetzt darf ich hier nichts Falsches sagen, weil Georgier ihre Familien nur in den Himmel hochloben dürfen), dann mutmaßen viele: „Was ist das für eine Sprache? Türkisch? Werden aggressive Handlungen geplant?“

Nein“, ist meine Antwort. „Wir haben soeben unsere Pläne fürs Abendessen besprochen.“ Auch wenn es danach klingt: Niemand hat die Absicht, ein Messer rauszuholen, es sei denn um etwas Gemüse zu schnippeln – für ein leckeres georgisches Gericht.

Georgisch als Massage

Angeblich legt jede Sprache andere Facetten des Fühlens und Denkens bloß. Man ist also stets eine andere Persönlichkeit, wenn man zum Beispiel Deutsch oder Russisch oder Georgisch spricht. Das habe ich beim Stammtisch namens Facebook aufgeschnappt. Ich wechsle schon seit jeher von Georgisch zu Deutsch zu Russisch zu Französisch zu Englisch und querbeet zurück. Alles eine Frage der Übung. Was das Georgische für mich ausmacht ist: das gegurgelte „h“; ein „k“ ganz tief aus der Kehle gepresst; die Abfolge von mindestens drei Konsonanten, an denen Nicht-Muttersprachler verzweifeln. So kann ich fast alle Emotionen ausdrücken, im wahrsten Sinne des Wortes „ausdrücken“.

Gedämpfter Nationalstolz

Eine Vorform, ein Ur-Georgisch sozusagen, wurde im sagenumwobenen Kolchis gesprochen. Als Jason – je nach Perspektive Held oder Spion – in das Königreich am Schwarzen Meer mit seinen Argonauten einlief, da hörte er auch Ur-Georgisch. Wer weiß vielleicht erlernte er die Sprache. Denke ich daran, so könnte mir die Brust fast vor Stolz schwelen. Ja: nur fast! Denn: Ich bin seit meiner Kindheit in Deutschland beheimatet und hier habe ich eins gelernt: Nationalstolz ist nichts für Patrioten – nur für Nationalisten.

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