Wunderbare Freundschaften, gestärkte Werte

Regieassistentin Ronja Gerlach nimmt Abschied!

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Eines von Ronjas Abschieds-Selfies

Ich stehe am Rand einer Bühne. Vor mir  junge Menschen, einige jünger, einige älter als ich. Sie werfen sich einen Ball zu, dem ich kaum nachsehe, weil ich noch auf die Farbe der Haare achte: alle in der Gruppe haben dunkle Haare. Ich nicht.

Das ist ein komisches Gefühl, irgendwie einsam und mir sehr unbekannt.  Mich lähmt es, ich verharre. Dann spüre ich einen Blick. Ein junger Mann aus der Gruppe nickt mir zu, lächelt und holt zum Wurf aus. Plötzlich habe ich Angst, diesen Ball nicht fangen zu können, mich zu blamieren, abgelehnt zu werden. Doch der Wurf ist sanft und der Ball in hoher Flugbahn unterwegs.

Die Einladung mitzuspielen, will ich annehmen, natürlich. Noch wenige Minuten zuvor haben wir uns einander vorgestellt. Manche schüttelten mir zur Begrüßung die Hand, mit anderen tauschte ich ein Küsschen links, eines rechts. Die meisten Namen musste ich mehrmals wiederholen bis ich sie korrekt aussprach. Und Deutsch sprach in der Gruppe eigentlich niemand. Fast alle waren erst wenige Monate als Geflüchtete hier.

Der Ball wird gefangen und weitergeworfen, immer schneller. Und mit jedem Mal, das ich ihn in der Hand halte, fühle ich mich mehr als Teil der Gruppe. Wir sind wie Kinder, die sich vorsichtig und neugierig mustern,  und dennoch keine Hemmung haben, gemeinsam ein Spiel zu spielen.

Es ist nun ein Jahr her, dass ich die Jungs und Mädels von grubengold bei diesem ersten Treffen kennenlernen durfte. Als Masterstudentin der Theaterwissenschaft war ich eigentlich nur auf der Suche nach praktischer Erfahrung im Bereich Theaterpädagogik. Die sollte ich als Regieassistentin  bekommen. Aber auch noch so viel mehr.

Zu Beginn war vieles schwierig für mich. Viele Flüchtlinge waren damals nach Deutschland gekommen, überall wurde darüber berichtet, über die große Aufgabe für das Land und all die kleinen Probleme im Alltag. Ich hatte so viele Meinungen im Kopf  von Journalisten, Politikern, Freunden und Nachbarn. Meiner eigenen  war ich mir nicht wirklich sicher. Gesprochen hatte ich mit Geflüchteten noch nie.

Zur ersten Probe kam ich mit unzähligen Fragen Wie vermeide ich Missverständnisse? Wie soll ich mich verhalten, zurückhaltend, mitleidend, gut gelaunt? Wie sprechen wir, wenn keiner Deutsch versteht? Allen voran: Was, wenn mir nicht gefällt, was ich in der Gruppe erfahren werde? Ich hatte Angst, meine Ideale und Werte überdenken zu müssen.

Es gab unzählige Missverständnisse. Meine Unsicherheit am Ball war nur der Anfang. Und die Fragen, die ich mir selbst gestellt hatte, waren nur die Vorhut von vielen weiteren. Oft fanden wir für eine Frage die unterschiedlichsten Antworten, mussten als Gruppe aber eine gemeinsame finden. Manches Mal auf die harte Tour.

Doch wir lernten , miteinander und voneinander. Wir brachten uns Worte bei, Kochrezepte, Tänze und erzählten uns von unseren Traditionen. Wir lernten, zu diskutieren und uns im richtigen Moment in Ruhe zu lassen. Wir wurden eine starke Gemeinschaft. Unsere verschiedenen Hintergründe mögen zwar Stolpersteine gewesen sein, aber nie ein unüberwindbares Hindernis.

ronja_01Ende des Monats werde ich das Ruhrgebiet verlassen, um in einer neuen Stadt nach dem Studienende in das Berufsleben zu starten. grubengold und dem PRINZREGENTTHEATER danke ich für das vergangene Jahr. Für die Freundschaft und all die Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht haben.

 

Ich  nehme vor allem zwei Erkenntnisse mit: Zum einen werde ich nie mehr Angst davor haben, meine eigenen Ideale und Werte mit der Realität zu konfrontieren.  Zudem hätte ich wunderbare Menschen verpasst, wenn ich zu vorsichtig geblieben wäre. Zum anderen weiß ich nun wie nie zuvor ehrlich zu schätzen, was für ein Glück ich habe: dort leben zu können, wo ich leben möchte und mich sicher und frei fühlen zu können. Dass kein Grund mich zwingt, mich auf eine Flucht zu begeben.

Ich verlasse das Ruhrgebiet, meine Heimat, wo ich groß geworden bin und wo ich die Städte, die Wälder und die Menschen liebe. Ich verlasse auch grubengold, was mir wirklich schwer fällt. Doch anders als viele andere Menschen auf dieser Welt kann ich jederzeit nach Hause zurückkehren. Und darauf freue ich mich schon.

Wir sehen uns zur Premiere im April kommenden Jahres, wenn grubengold »Don Quijote« spielt. Ich werde im Publikum sitzen. Bis bald!

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HERE WE GO AGAIN!

grubengold ist wieder da! Die erste Spielzeit in 2015 war experimentell, aufregend – und erfolgreich… Jetzt gehen wir in die zweite Runde. Und: Wir bloggen wieder! Gemeinsam! Über unser neues Stück Don Quijote, die Proben, das Zusammenfinden im neuen Team – und das Leben.

Also: schaut regelmäßig hier auf dem Blog vorbei und lest fleißig mit. Den Anfang macht grubengold-Leiterin Michaela Kuczinna mit einer Einführung in das Stück.

Frau Kuczinna, erzählen Sie von grubengold und Don Quijote!

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Michaela Kuczinna (grubengold-Leitung)

1547 ist Miguel de Cervantes Saavedra der Autor von Don Quijote geboren.

Vor etwa einem Jahr 2015 war die Geburtsstunde von grubengold, einem Theaterprojekt für geflüchtete Menschen hier am PRINZREGENTTHEATER. Dazwischen liegen schlappe 468 Jahre.

Jetzt also WIR! Wie es im Spielzeitmotto am PRINZREGENTTHEATER heißt. grubengold 2.0. Das grubengold – Darstellerteam geht ins zweite Jahr.

WIR? Ich neu dazu. 11 + eine. Teil der Gruppe. ICH möchte dazugehören, Teil ihrer Gemeinschaft werden. Verantwortung übernehmen, das Projekt weiterführen. Leitung und Regie steht auf meinem Vertrag, ob sie mich annehmen?

578 Seiten für den 1. Teil und 629 Seiten für den 2. Teil liegen in der Neuübersetzung von Susanne Linke in meiner Hand. Plus Anmerkungen. Gebündelt in 136 Kapiteln. Das klingt zunächst nach Trockenbrot.

Wortreich und wunderbar absurd sind die Gespräche zwischen Don Quijote dem unbeirrbaren und Sancho Pansa. Dialogorientiert, transkulturell sind die Arbeitsbegriffe, die in meinem Kopf rumschwirren. 6 Sprachen und 4 Religionen sitzen gemeinsam auf der Probe. Ich halte mich noch an der Mengenlehre fest. Alle sind aufgeregt, das wären 100%, da fühle ich mich zugehörig. Alle haben Lust zu spielen: nochmal 100%.

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Selfie-Pause

Mehrsprachig (mit Händen und Füßen) und wunderbar absurd sind die Gespräche zwischen den Angehörigen des Grubengold-Ensembles und mir. Augenkontakt spielt eine große Rolle.

Don Quijote wurde 2002 vom Osloer Nobelinstitut von 100 bekannten Schriftstellern zum „besten Buch der Welt“ gewählt. Bestes Buch der Welt, was soll das sein? Ich merke, Zahlen und Vergleiche sind eigentlich gar nicht so mein Ding. Mich interessieren die Menschen dahinter. Wer gehörte zur Gruppe dieser Schriftsteller? Könnte ich da bitte mal einen Blick auf die Teilnehmer*innen – Liste werfen? Fest steht eins, dieser „weltfremde Ritter“ ist von internationaler Bekanntheit. Ein billiger Druck der Zeichnung von Picasso hängt in meiner Wohnung. Grund genug nicht zu zögern, als Romy Schmidt mich fragt, ob ich die Aufgabe übernehmen möchte. Daher jetzt also: grubengold 2.0 oder Cervantes – Don Quijote von der Mancha. Aufregung 100%.

Was an Don Quijote reizt ist die Frage, was ist in unserer Umwelt Wirklichkeit und was Traum? Der ewige Konflikt zwischen Ideal und Realität. You know?! Die Frage der Perspektive.

Don Quijote als Metapher, darauf können wir uns einigen. Was die Geschichte für ein transkulturelles Projekt so spannend und ergiebig macht ist auch, dass Cervantes selbst behauptete, den zweiten Teil Geschichte aus der aus der Schrift eines von ihm erfundenen arabischen Historikers, dem Cide Hamete Benengeli, übernommen zu haben. Von Beginn an stellt die Lektüre des Werkes auch die Frage nach dem Verhältnis des Autors zum Islam und zur arabischen Welt. Wie bitte? Da wären wir wieder. Gefühlt brauchen wir mindestens 1 Übersetzerin.

Was an grubengold reizt sind die unendlich vielen Impulse und Perspektiven und das Wissen, das die Einzelnen aus ihrem Leben vor der Flucht mitbringen. Einige sind schon als Flüchtling geboren, andere in der Gruppe nur ideell geflüchtet. Ich könnte die Nationalitäten zählen, in wie vielen Ländern die Einzelnen waren, oder was ihre Flucht sie gekostet hat, aber was mich reizt sind die Menschen. Ich weltfremder Idealist.

Einige Proben später, es ist Sonntag, sitzen wir in der Zukunftsakademie, unserem Probenraum, an einer langen Tafel. Erschöpft, 4 Stunden Probe liegen hinter uns, 2 noch vor uns. 75% Körperarbeit, 25% Text. Vor uns stehen Salat, duftender Reis, und gefüllte Auberginenröllchen. 2 von UNS kochen immer. Das tut uns gut. Da ist es, das uns.  2 Übersetzer sitzen mit am Tisch, 1 + 1. Youssef Hassan, der in Syrien geboren ist, will dramaturgisch mitarbeiten, Michaela Kleinhaus, die in Deutschland geboren ist überlegt mitzuspielen. Sie gehören dazu. Alle wollen jetzt erst einmal essen. Glücklich staunend stelle ich fest ich bin angekommen. Wir beißen uns da durch. WIR! werden Don Quijote auf die Bühne bringen.

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Liebe geht durch den Magen (Zukunftsakademie NRW)

»Wir« im Revier für Held*innen

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Wir waren im Revier für Held*innen am PRINZREGENTTHEATER, wir waren zum Finale der Spielzeit selbst die Held*innen, zusammen mit den beiden Jugendclubs »JUNGE PRINZ*ESSINNEN«.
Sandra, Art Director des Theaters, hat uns fotografiert. Ihre Bilder seht ihr oben. Damit verabschieden wir uns aus dem Revier für Held*innen und ziehen in den Sommer. Wir freuen uns schon, Euch in der kommenden Spielzeit wiederzusehen.

 

Nach der Sommerpause dreht sich unsere Welt um dich, um euch, um uns: »WIR?«, fragen wir dann.

Wir Menschen. Wir Europäer. Wir Deutschen. Wir Bochumer. Wir Muslime. Wir Christen. Wir Patrioten. Wir Verteidiger des Abendlandes. Wir Politiker. Wir Arbeiter. Wir Denker. Wir Tänzer. Wir Träumer. Wir Liebenden. Wir Perversen. Wir Sozialhilfeempfänger. Wir Nutten. Wir Freier. Wir Junkies. Wir Utopisten. Wir Krieger. Wir Pazifisten. Wir Päpste. Wir Weltmeister. Wir Charlie Hebdos. Wir Künstler. Wir Hebammen. Wir Bergleute. Wir Rechthaber. Wir Wutbürger. Wir Sünder. Wir Atheisten. Wir I-Phone-User. Wir Facebooker. Wir Gotteslästerer. Wir Weltverbesserer. Wir Faulen. Wir Veganer. Wir Karnivoren. Wir Depressiven. Wir Manischen. Wir Außerirdischen. Wir Astronauten. Wir Hundefreunde. Wir Egoisten. Wir Vaterlandsverräter. Wir Neider. Wir Vfler. Wir Ex-Opelaner. Wir Punker. Wir Banker. Wir Anarchisten. Wir Spießer. Wir Enttäuschten. Wir was auch immer…

Zu welchem „WIR“ wollen wir gehören? Welches „Wir“ können wir wählen und welchem „Wir“ können wir nicht entkommen?

WIR spielen dann »Don Quijote« nach Miguel de Cervantes‘ Geschichte um den umherirrenden Ritter Quijote, der auszieht, das Unrecht zu bekämpfen, Ruhm zu erlangen und das Leben gelingen zu lassen; und sich dabei aus seinen Fantasien und Träumen eine eigene Realität schafft.

 

Premiere ist am 13. Mai 2017.

Bis bald,
Euer grubengold-Ensemble 2015/16

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#fortschritte: gute Erziehung

Ich habe es geschafft: Ich habe meine Examensprüfung meiner Ausbildung zur Erzieherin bestanden, Note: Gut.

Ich bin überglücklich über meine Prüfungsergebnisse und freue mich jetzt, endlich wieder einmal Freizeit zu haben. Denn die gab es nicht in den vergangenen Wochen. Doch das Lernen hat sich sehr gelohnt.

 

von Alopé VostryAlope Vostry

Ramadan, Rituale und Traditionen

Foto: Guillaume Paumier, CC-BY.
Foto: Guillaume Paumier, CC-BY.

 

Was den Ramadan in unseren Heimatländern vom diesjährigen unterscheidet, den viele von uns erstmals in Deutschland verbringen, sind die Rituale.

Der Ramadan ist der Fastenmonat der Muslime im neunten Monat des islamischen Mondkalenders, in diesem Jahr seit dem 6. Juni und noch bis zum 4. Juli. Es ist eine besondere Zeit: Dann sind die Straßen üppig geschmückt und erleuchtet, auf Straßenfesten sind die Stimmen von Verkäufern zu hören, Getränke, Speisen und Süßigkeiten unterschiedlichster Art werden feilgeboten, die besonderen Lieder und Melodien des Ramadan erklingen. Wir begehen gemeinsame Festmähler zum Fastenbrechen und werden von den Wecktrommlern schon vor dem Sonnenaufgang geweckt, um vor Anbruch des Tages des letzte Mahl vor dem Sonnenuntergang am Abend einzunehmen: das Sahur.

All dies sind Rituale, die wir vermissen in unserem neuen Exil, hier in Deutschland. Das ist der Tribut von Flucht und Kriegen, der uns eine neue Realität aufzwingt in einer für uns neuen Gegend dieser Welt. Wir bemühen uns, einige der Rituale zu leben – bei unseren gemeinsamen Mahlzeiten zum Fastenbrechen –, um das vertraute Gefühl des Ramadan auch hier zu spüren.

 

von Muhammad TamimMuhammad Tamim

»Leb in meinen Augen«

In grubengold hat Sandy zwei überwältigend persönliche Momente, in denen sie sich auf der Bühne an ihre abwesende Schwester wendet. Seit Sandys Flucht nach Deutschland leben die beiden nicht mehr beieinander. Sandy zeigt, wie sehr sie ihre Schwester Miyushi vermisst, verliest einen Brief (»Love u Sister«), den sie ihr geschrieben hat und widmet ihr das Lied »Meine Schwester und ich«:

 

Sandy Aldares: »In meinem Herzen sind Wärme und Zuneigung«

 

 

 

 

 

 

Umarme mich Schwester, umarme mich

Schlaf in Sicherheit, meine Liebe

In meinem Herzen sind Wärme und Zuneigung

Meine Mutter hat gesagt, ich soll dich im Auge behalten

Fürchte dich vor nichts

Mit mir soll dir nichts passieren

Leb in meinen Augen
(Ich will dich immer vor mir sehen/
Meine Augen sollen immer bei dir sein)

 

von Sandy AldaresSandy Aldares