»Bringen wir arabische und europäische Kultur zusammen, ergibt es ein sehr schönes Bild.«

Stimmen aus dem grubengold-Ensemble:Muhammad Tamim
Muhammad Tamim

Advertisements

Ramadan, Rituale und Traditionen

Foto: Guillaume Paumier, CC-BY.
Foto: Guillaume Paumier, CC-BY.

 

Was den Ramadan in unseren Heimatländern vom diesjährigen unterscheidet, den viele von uns erstmals in Deutschland verbringen, sind die Rituale.

Der Ramadan ist der Fastenmonat der Muslime im neunten Monat des islamischen Mondkalenders, in diesem Jahr seit dem 6. Juni und noch bis zum 4. Juli. Es ist eine besondere Zeit: Dann sind die Straßen üppig geschmückt und erleuchtet, auf Straßenfesten sind die Stimmen von Verkäufern zu hören, Getränke, Speisen und Süßigkeiten unterschiedlichster Art werden feilgeboten, die besonderen Lieder und Melodien des Ramadan erklingen. Wir begehen gemeinsame Festmähler zum Fastenbrechen und werden von den Wecktrommlern schon vor dem Sonnenaufgang geweckt, um vor Anbruch des Tages des letzte Mahl vor dem Sonnenuntergang am Abend einzunehmen: das Sahur.

All dies sind Rituale, die wir vermissen in unserem neuen Exil, hier in Deutschland. Das ist der Tribut von Flucht und Kriegen, der uns eine neue Realität aufzwingt in einer für uns neuen Gegend dieser Welt. Wir bemühen uns, einige der Rituale zu leben – bei unseren gemeinsamen Mahlzeiten zum Fastenbrechen –, um das vertraute Gefühl des Ramadan auch hier zu spüren.

 

von Muhammad TamimMuhammad Tamim

»Leb in meinen Augen«

In grubengold hat Sandy zwei überwältigend persönliche Momente, in denen sie sich auf der Bühne an ihre abwesende Schwester wendet. Seit Sandys Flucht nach Deutschland leben die beiden nicht mehr beieinander. Sandy zeigt, wie sehr sie ihre Schwester Miyushi vermisst, verliest einen Brief (»Love u Sister«), den sie ihr geschrieben hat und widmet ihr das Lied »Meine Schwester und ich«:

 

Sandy Aldares: »In meinem Herzen sind Wärme und Zuneigung«

 

 

 

 

 

 

Umarme mich Schwester, umarme mich

Schlaf in Sicherheit, meine Liebe

In meinem Herzen sind Wärme und Zuneigung

Meine Mutter hat gesagt, ich soll dich im Auge behalten

Fürchte dich vor nichts

Mit mir soll dir nichts passieren

Leb in meinen Augen
(Ich will dich immer vor mir sehen/
Meine Augen sollen immer bei dir sein)

 

von Sandy AldaresSandy Aldares

»Love u Sister«

Sandy liest in grubengold einen Brief vor, den sie Anfang des Jahres an ihre Schwester geschrieben hat. Seit Sandys Flucht im Sommer 2015 leben die beiden getrennt.

 

Hi Miyusha meine Liebe,

wie geht es dir meine Liebe, ich vermisse dich so.

Mir geht es gut hier, ich warte ungeduldig, dass du kommst und wir wieder
zusammenleben. Ich schreibe dir diesen Brief aus dem Theater, wo wir
trainieren, proben, singen, Unsinn machen und tanzen. Wir proben hier für
die Aufführung.

Liebste Schwester, ich hoffe, es geht dir so gut wie mir. Ich fühle mich wieder wie in unserer Schulzeit, aber dieses Mal strenge ich mich mehr an und verstehe mehr.

Nächsten Monat ist Marias Hochzeit, Mama und ich werden sie vorbereiten. Sobald ich ein Kleid habe, schicke ich dir ein Foto, ich werde die ganze Hochzeit fotografieren und dir die Fotos schicken, damit Papa und du alles sehen könnt.

Vor einer Woche oder so war unsere Theatergruppe in Frankfurt, die Stadt ist wirklich schön, und wir hatten dort viel Spaß. Wenn Du erst hier bist, fahren wir zusammen.

Ich habe vergessen, Dir zu sagen, dass wir in eine neue Wohnung gezogen sind, allerdings wohnen wir nicht allein sondern mit anderen Leuten. Die Wohnung ist schön, aber ein bisschen weit, ich brauche eine halbe Stunde mit dem Bus in die Stadt.

Weißt Du was, ich vermisse dich wirklich sehr,
wer macht mir jetzt meine Haare, mit wem soll ich streiten,
wen soll ich in die Wange kneifen und dann wieder küssen,
wer soll mir Sachen zum Anziehen aussuchen
und dann sagen, das steht dir und das nicht.

Mimi, kommt schnell, ich stelle dir dann alle meine Freunde vor,
ihr werdet Euch bestimmt mögen.

Love u Sister,
Sandy

 

von Sandy AldaresSandy Aldares

Endlich. Und viel zu spät

Ordnung.
Alles in Ordnung.

Ich habe dieses Wort, diesen Satz oft betrachtet. Nicht nur in unserem Theaterstück, auch im alltäglichen Leben. Genauer gesagt in diesem Dasein als Flüchtling, das ich hier in Deutschland lebe.

Ich heiße Yousef Zaghmout und lebe seit einem Jahr und vier Monaten in Deutschland. Geflüchtet bin ich aus Syrien, wo ich schon als Flüchtling geboren wurde, als Sohn palästinensischer Eltern. Vor einigen Jahren dann kam der Krieg dorthin, wo ich lebte – und eines Tages flüchtete ich, zunächst in den Libanon, später weiter nach Deutschland.

Ich wende Ordnung an.
Genauer oder ehrlicher gesagt: Die Ordnung passt mich an.
Ich habe keine Wahl und keinen eigenen Wunsch.

Ein Jahr und drei Monate habe ich darauf gewartet, meinen Deutschkurs zu beginnen und die wichtigsten Bestandteile meiner Integration in die deutsche Gesellschaft zu erlernen, vor allem also: die Sprache. Vielleicht sollte man erwähnen, dass ich das seit meiner Ankunft, seit dem ersten Monat gewünscht und eingefordert habe.

„Endlich. Und viel zu spät“ weiterlesen

Weil wir nicht dürfen – eine Bitte: Geht doch mal wieder Blut spenden

Manchmal merken wir, dass man so schnell nicht ankommt in dem Land, in das man geflüchtet ist. Die Sprache lernen wir noch relativ zügig, jedenfalls geben wir uns Mühe. Und mit den Behörden und unseren Aufenthaltstiteln ist mittlerweile alles geklärt. Aber dann wollten wir gute Bürger sein, uns einbringen, etwas für andere tun, weil es wichtig ist. In diesem Fall sogar: überlebenswichtig.

Blood_plasma_donation_3653
Eine Blutspende. [Foto: Wikipedia-Nutzer ANKAWÜ, modifiziert, CC BY-SA 3.0]
Wir wollten Blut spenden; aber wo ein Wille ist, ist eben doch nicht immer ein Weg. Wir sind Mohammad und Tamim aus dem grubengold-Ensemble.

„Weil wir nicht dürfen – eine Bitte: Geht doch mal wieder Blut spenden“ weiterlesen

Reden wir

Künstler suchen oft die menschliche Seite der Geschichte. Diese wollen sie zeigen, schreibt Tania Canas, und die Geschichte lebendig werden lassen.

Und weil Kunst politisch ist und menschlich, zumal mit Geflüchteten, hat Canas, Arts Director der australischen Organisation RISE, eine Liste erstellt:

Zehn Punkte für Kunst mit Geflüchteten.

PUNKT 8: Reduziere uns nicht auf ein Thema.

Wir sind Menschen mit Erfahrungen, Wissen und Fähigkeiten. Wir können über viele Dinge sprechen; reduziere uns nicht auf ein Narrativ.

Also, reden wir nicht nur über das Eine.

10 things you need to consider if you are an artist,
Tania Canas, @RISErefugee.org
,
in deutscher Übersetzung @kultur-oeffnet-welten.de